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Prof. Dr. med.
Kai Rösler

Leiter der Neuromus- kulären Sprechstunde more...

Eigene Abwehrkräfte gegen ALS

Die Gesamtheit der Selbstheilungs-Vorgänge wirkt natürlicherweise dem Krankheitsprozess über manche noch unbekannte Wege stets entgegen. Keine noch so genaue Diagnostik und Kenntnis der Krankheitvorgänge erlaubt somit felsenfeste Voraussagen. Die moderne Forschung nimmt sich dieser Komplexität von Zusammenhängen gerade in letzter Zeit intensiv an.
Solide Erkenntnisse liegen immerhin bereits über Anpassungsvorgänge der Nervenstrukturen vor: noch nicht befallene Motoneurone bilden Aussprossungen, welche in Richtung derjenigen Muskelfasern auswachsen, welche ihre Nervenversorgung verloren haben ( «kollaterale Reinnervation»). Diese Muskelfasern werden also gleichsam von den noch gesunden Fasern «übernommen». Dieser Vorgang kann eine Zeitlang wahrscheinlich recht wirksam die zunehmenden Muskelschwäche auffangen. Mit der Zeit nimmt aber der Krankheitsprozess dennoch überhand.

Ungewiss bleibt vorerst, ob Abwehr und Wiederaufbau im Nervensystem und in der Muskulatur tatsächlich unterstützt werden können. Etwa die Auswirkung von Krankengymnastik oder elektrischer Muskelstimulation auf das Aussprossen von Nervenfasern ist umstritten. Unsicher ist auch, ob sich spezielle Nahrungsmittel (z.B. eiweissreiche Diät) förderlich auswirken. Ziemlich gewiss ist hingegen, dass man dem Aussprossungsprozess schaden kann, wie durch zu grossen Alkoholkonsum. Insgesamt ist deshalb ein «vernünftiger» Lebensstil zu empfehlen, mit einer gesunden Ernährung und – im Rahmen des Möglichen – die Aufrechterhaltung einer gewissen körperlichen Aktivität.

Wie steht es mit Medikamenten, welche das Aussprossen von Nervenfasern fördern? Es ist bekannt, dass zur Aussprossung von Nervenfasern sogenannte «Nervenwachstumsfaktoren» (Nerve growth factors) nötig sind und deshalb vom Körper ausgeschüttet werden. Bisher werden erst in Therapieansätzen solche «nerve growth factors» als Medikamente versucht. Diese Experimente sind bis heute beim Menschen entweder an zu grossen Nebenwirkungen gescheitert oder sie haben keinen wesentlichen Einfluss auf den Krankheitsprozess gezeigt.
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